Dr. med. Chris Winkler, 24.05.2026
Jo-Jo-Effekt nach der Abnehmspritze
Was hilft, das Gewicht langfristig zu halten?
Warum diese Frage über den Therapieerfolg entscheidet
Wer mit einer Abnehmspritze abgenommen hat, steht früher oder später vor einer entscheidenden Frage: Wie lässt sich das Gewicht halten? Die Sorge vor einer schnellen Wiederzunahme – dem sogenannten Jo-Jo-Effekt – ist berechtigt. Mehrere aktuelle Studien aus dem Frühjahr 2026 zeigen ein klares Muster und geben erste Hinweise, wie sich diese Wiederzunahme begrenzen lassen könnte.
Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Ergebnisse dieser Studien zusammen und zeigt auf, was daraus für die eigene Therapie nutzbar sein könnte.
Warum das Halten des Gewichts schwieriger ist als das Abnehmen
Viele Patientinnen und Patienten erleben, dass es nach dem Absetzen der Spritze nicht automatisch leichter wird. Entfällt die Wirkung der Abnehmspritzen-Wirkstoffe, kehrt der Körper schrittweise zurück zu seinen etablierten Regelkreisen, was Nahrungsaufnahme und Energieverwertung betrifft.
Der menschliche Körper ist biologisch so angelegt, dass er versuchen wird, sein früheres Gewicht wieder zu erreichen oder den für ihn unerwünschten Gewichtsverlust auszugleichen. Über seine Hunger- und Sättigungshormone kann er Signale setzen, die zurück in Richtung des alten Zustands, also des Ausgangszustands von vor der Abnehmspritzen-Therapie, führen. Der Appetit wird bei den meisten Anwendern dann wieder steigen, das Sättigungsgefühl wieder später eintreten, und der Energieverbrauch kann nach der Gewichtsabnahme niedriger sein als zuvor, weil der Körper die Abnehmphase als eine Art Energiekrise einordnet und seinerseits Maßnahmen ergreifen wird, um Energie zu sparen.
Das ist eine normale körperliche Reaktion auf einen "erlittenen" Gewichtsverlust. Diese Reaktionen können bei jeder Form von herbeigeführtem Gewichtsverlust auftreten: bei einer medikamentös unterstützten Abnahme, wie im Fall einer Abnehmspritze, ebenso wie bei einer klassischen Diät, beim Fasten oder bei anderen Maßnahmen. Wer diese Mechanismen versteht, kann für die Zeit nach der Abnehmphase realistischer planen.
Abnehmspritze als Dauer-Therapie?
Eine im Mai 2026 in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichte Studie verglich drei Strategien für die Zeit nach der eigentlichen Abnehmphase: Die Abnehmspritze in voller Dosis weiterführen, die Dosis auf etwa ein Drittel reduzieren oder die Spritze ganz absetzen und durch ein Scheinpräparat ohne Wirkstoff (Placebo) ersetzen [1].
Nach insgesamt gut zwei Jahren zeigte sich ein deutlicher Unterschied:
- Volle Dosis weiter: Das Gewicht blieb stabil – im Mittel etwa 22 Prozent unter dem Ausgangsgewicht.
- Reduzierte Dosis: Auch hier wurde der Großteil des Gewichtsverlusts gehalten – etwa 17 Prozent unter dem Ausgangsgewicht.
- Wechsel auf Placebo: Nur noch etwa 10 Prozent des Gewichtsverlusts blieben erhalten, 90 Prozent kerhten also zurück.
Besonders deutlich zeigt sich die Wiederzunahme an einer anderen Zahl: Zwei Drittel der Personen, die auf das Scheinpräparat wechselten, mussten die Behandlung im Studienverlauf wieder aufnehmen, weil sie zu schnell wieder zunahmen. In der Gruppe mit voller Dosis war das nur bei knapp einem Zehntel der Fall.
Die Studie deutet darauf hin, dass auch eine niedrigere Dauerdosis einen großen Teil des erzielten Gewichtsverlustes sichern könnte.
Tablette statt Spritze – eine Perspektive für die Zukunft?
Nicht jeder möchte langfristig spritzen. Eine zweite aktuelle Studie prüfte deshalb, was passiert, wenn nach erfolgreicher Spritzentherapie auf eine täglich einzunehmende Tablette aus der gleichen Wirkstoffgruppe gewechselt wird [2].
Über ein Jahr hinweg hielten die Teilnehmenden im Schnitt rund 75 bis 80 Prozent ihres zuvor erreichten Gewichtsverlusts – ein deutlicher Unterschied zur Placebo-Gruppe.
Wichtige Einordnung für die Praxis: Diese Tablette ist in der EU bisher nicht zur Gewichtsreduktion zugelassen. Sie ist also derzeit noch keine Option, die Ihre Ärztin oder Ihr Arzt verschreiben kann, sondern eine Perspektive für die kommenden Jahre.
8.500 Schritte – Bewegung als Stabilisator
Während neue Medikamente bereits diskutiert werden, bestätigt eine Auswertung von 14 Bewegungsstudien mit insgesamt knapp 3.800 Teilnehmenden einen einfachen Befund: Wer die tägliche Schrittzahl auf etwa 8.500 Schritte steigert und auf diesem Niveau hält, kann die Wiederzunahme nach einem Gewichtsverlust ebenfalls deutlich begrenzen [3].
Im Durchschnitt lagen die Teilnehmenden vor der Studie bei rund 7.300 Schritten pro Tag. Wer diesen Wert auf etwa 8.500 Schritte erhöhte und auch in der Phase nach dem Abnehmen dabei blieb, hielt sein Gewicht messbar besser.
Dahinter steht ein einfacher Mechanismus: Bewegung erhält Muskelmasse und stützt den Energieverbrauch, der nach einer Gewichtsreduktion sonst absinkt. Diese Maßnahme ist unabhängig von Verordnung, Erstattung oder Lieferfähigkeit – sie liegt vollständig in den eigenen ändern des Patienten.
Was bedeutet das für Ihre Behandlung?
Aus den aktuellen Daten lassen sich drei praktische Schlüsse ziehen:
1. Thema "Langzeittherapie": Adipositas wird zunehmend als chronische Erkrankung verstanden. Eine fortgesetzte Behandlung – auch mit reduzierter Dosis – scheint, wenigstens unter Studienbedingungen, den erzielten Gewichtsverlust stabilisieren zu können. Wie lange eine Therapie sinnvoll ist, sollten Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt festlegen, idealerweise schon zu Beginn der Behandlung.
2. Bewegung als festen Bestandteil Ihres Alltags etablieren: Die 8.500-Schritte-Marke ist eine konkrete und überprüfbare Größe. Sie ersetzt keine medizinische Behandlung, ergänzt sie aber wirksam – und sie funktioniert unabhängig davon, ob die Spritze fortgesetzt, reduziert oder beendet wird.
3. Neue Ansätze vorsichtig bewerten: Orale Wirkstoffe oder ergänzende Präparate sind aktuell Forschungsthemen, keine etablierten Standardtherapien. Ob und wann diese tatsächlich zu einer verfügbaren Behandlungsoption werden, ist aktuell noch nicht absehbar.
Hinzu kommt der finanzielle Faktor: Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Behandlung der Adipositas mit Abnehmspritzen nach aktuellem Stand in der Regel nicht. Eine längere Therapie ist deshalb auch eine Frage der persönlichen finanziellen Planung.
Fazit
Das Gewicht nach einer Behandlung mit einer Abnehmspritze zu halten, ist nicht allein eine Frage von Disziplin. Die Biologie kann aktiv gegen die Stabilisierung arbeiten. Studien zeigen, dass eine Fortführung der Therapie unter ärztlicher Begleitung und regelmäßige Bewegung helfen können, eine erneute Gewichtszunahme zu begrenzen. Ob dafür eine unveränderte Dosis, eine angepasste Erhaltungsdosis oder ein anderer Weg infrage kommt, muss individuell ärztlich besprochen werden.
Neue Ansätze wie Tabletten mit GLP-1-ähnlicher Wirkung oder ergänzende Therapieansätze werden erforscht. Für die Zeit nach der Abnehmspritzen-Therapie sind sie aber noch keine fest etablierte Lösung. Wer eine Therapie beginnt, sollte die Frage „Wie geht es nach dem Abnehmen weiter?“ deshalb von Anfang an mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt klären.
FAQ
Muss ich die Abnehmspritze dauerhaft nehmen?
Viele Fachleute sehen die Behandlung inzwischen als Langzeittherapie. Nach dem Absetzen steigt das Gewicht in den meisten Fällen wieder an. Eine reduzierte Erhaltungsdosis kann eine Option sein und sollte ärztlich besprochen werden.
Hilft eine niedrigere Dosis nach dem Abnehmen?
Aktuelle Daten zeigen, dass auch eine reduzierte Dosis einen wesentlichen Teil des Gewichtsverlusts sichern kann – wenn auch etwas weniger als die volle Dosis. Eine Anpassung sollte stets ärztlich begleitet werden.
Gibt es bald eine Tablette statt einer Spritze?
Erste Studien zu einer einmal täglich einzunehmenden Tablette aus der gleichen Wirkstoffgruppe sind ermutigend. In der EU ist diese Tablette bisher nicht zur Gewichtsreduktion zugelassen. Wann oder ob eine Zulassung folgt, ist offen.
Wie viele (zusätzliche) Schritte am Tag sind sinnvoll?
Aus der aktuellen Studienlage ergibt sich ein Richtwert von etwa 8.500 Schritten täglich. Entscheidend ist die Steigerung gegenüber dem persönlichen Ausgangswert und dass dieses Niveau dauerhaft gehalten wird.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Behandlung der Adipositas mit Abnehmspritzen nach aktuellem Stand in der Regel nicht.
Quellen
[1] Horn DB, Aronne LJ, Wharton S, et al. Maintenance of bodyweight reduction in people with obesity in the USA (SURMOUNT-MAINTAIN): a multicentre, double-blind, randomised, placebo-controlled trial. The Lancet, Mai 2026. https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(26)00656-2/abstract
[2] Aronne LJ, le Roux CW, et al. Maintenance of body weight reduction: the double-blind, randomized phase 3b ATTAIN-MAINTAIN trial. Nature Medicine, 12. Mai 2026. https://www.nature.com/articles/s41591-026-04386-7
[3] Saadeddine D, El Ghoch M, et al. Daily Steps During Nutritional Lifestyle Modification Programs for Obesity Management: A Systematic Review and Meta-Analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health, April 2026. https://www.mdpi.com/1660-4601/23/4/522
