Dr. med. Chris Winkler, 20.03.2026   

Abnehmspritzen: Ein ärztlicher Blick auf den Hype

Was Endokrinologen zum Stellenwert dieser Medikamente sagen

Worum geht es?

Wundermittel oder riskante Abkürzung? Kaum ein medizinisches Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie die sogenannte „Abnehmspritze". Auf dem 69. Deutschen Kongress für Endokrinologie haben Fachärzte für Stoffwechselerkrankungen nun eine Zwischenbilanz gezogen – sachlich, differenziert und mit einem klaren Blick auf das, was diese Medikamente leisten können und was nicht.

Was Fachärzte auf dem Kongress festhalten

Anlässlich des 69. Deutschen Kongresses für Endokrinologie hat die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) auf einer Vorab-Pressekonferenz den aktuellen Stellenwert der GLP-1-Rezeptoragonisten in der Adipositastherapie eingeordnet. Das Fazit: Der Stellenwert dieser Medikamente ist nach wie vor Gegenstand der Fachdiskussion – aber die Bilanz fällt insgesamt positiv aus.

Eingebettet in eine nachhaltige Lebensstiländerung können diese Wirkstoffe bei geeigneten Patientinnen und Patienten nicht nur zu einer klinisch relevanten Gewichtsreduktion führen. Sie können darüber hinaus Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen verbessern.

Dabei gilt: Die Wirkung ist individuell verschieden. Während manche Betroffene deutlich Gewicht verlieren, zeigt sich bei anderen ein geringerer Effekt. Endokrinologen betonen, dass Patientinnen und Patienten darüber von Anfang an aufgeklärt werden sollten – um Enttäuschungen zu vermeiden und realistische Erwartungen zu entwickeln.

Eine Lücke, die lange offen war

Um zu verstehen, warum diese Medikamente in der Fachwelt so viel Aufmerksamkeit erhalten, lohnt ein Blick auf die bisherige Behandlungssituation bei Adipositas.

Auf der einen Seite standen allgemeine Maßnahmen: Ernährungsberatung, mehr Bewegung, Lebensstiländerung. Auf der anderen Seite schwere chirurgische Eingriffe wie eine Magenoperation. Zwischen diesen beiden Polen klaffte lange eine Lücke – für Menschen, bei denen reine Lebensstiländerungen nicht ausreichen, eine Operation aber nicht angemessen wäre.

Diesen Zwischenraum können GLP-1-Rezeptoragonisten nach Einschätzung von Endokrinologen gegebenenfalls ausfüllen. Sie ermöglichen eine medikamentöse Unterstützung dort, wo bislang kaum wirksame Optionen zur Verfügung standen – und leisten damit nach Einschätzung der Fachgesellschaft einen relevanten Beitrag zur Behandlung einer der wichtigsten Volkskrankheiten unserer Zeit.

Das ungelöste Problem: Was passiert nach dem Absetzen?

So positiv die Zwischenbilanz in der Anwendungsphase ausfällt – ein zentrales Problem bleibt bislang ungelöst: Was passiert, wenn die Therapie beendet wird?

Bei vielen Betroffenen setzt nach dem Absetzen der Jo-Jo-Effekt ein. Das Gewicht steigt wieder an – oft rasch und deutlich. Endokrinologen geben offen zu, dass die Medizin hier noch keine befriedigende Antwort gefunden hat. Es ist bislang nicht geklärt, ob ein abruptes Absetzen oder ein schrittweises Ausschleichen der Dosis besser geeignet ist, um den Gewichtsanstieg zu begrenzen.

Was Fachleute dennoch klar empfehlen: Wer diese Medikamente absetzt, braucht eine engmaschige ärztliche Begleitung. Ziel ist es, die Gewichtszunahme durch dauerhafte Veränderungen bei Ernährung und Lebensstil so weit und so lange wie möglich hinauszuzögern. Ohne diese Basis bleibt das Rückfallrisiko hoch – unabhängig davon, wie erfolgreich die Therapie war.

Viele Fachärzte betrachten GLP-1-Rezeptoragonisten deshalb inzwischen als Langzeittherapie – vergleichbar mit einem Blutdrucksenker, der dauerhaft eingenommen werden muss, um zu wirken. Die Frage, wie lange eine Therapie sinnvoll ist und wann sie gegebenenfalls beendet werden kann, sollte von Anfang an Teil der gemeinsamen Behandlungsplanung sein.

Fazit

Endokrinologen ziehen auf dem 69. Deutschen Kongress für Endokrinologie eine insgesamt positive Zwischenbilanz: GLP-1-Rezeptoragonisten schließen eine therapeutische Lücke, die in der Adipositasbehandlung lange offen war. Sie können bei geeigneten Patientinnen und Patienten klinisch relevant wirken und Begleiterkrankungen verbessern.

Gleichzeitig bleibt eine zentrale Frage offen: Eine bewährte Strategie für das Therapieende gibt es noch nicht. Das macht eine sorgfältige ärztliche Begleitung – vor, während und nach der Behandlung – umso wichtiger.

Ob eine solche Therapie für Sie infrage kommt, lässt sich nur im persönlichen Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt klären.

FAQ: Häufige Fragen zu Abnehmspritzen

Kann ich von vornherein wissen, ob das Medikament bei mir wirkt? 

Nein. Die Wirkung ist individuell sehr verschieden. Manche Betroffene sprechen gut an, bei anderen zeigt sich kaum ein Effekt. Das lässt sich vorab nicht zuverlässig vorhersagen – ein Grund mehr, die Therapie engmaschig ärztlich begleiten zu lassen und realistische Erwartungen zu entwickeln.

Verbessern sich Begleiterkrankungen automatisch mit? 

Das ist möglich, aber nicht garantiert. Bei geeigneten Patientinnen und Patienten können Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen durch die Gewichtsreduktion positiv beeinflusst werden. Ob und in welchem Ausmaß das bei Ihnen der Fall ist, sollte ärztlich beobachtet und bewertet werden.

Welche Nebenwirkungen sind bekannt? 

Am häufigsten treten Beschwerden im Magen-Darm-Bereich auf – also Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall – besonders in der Anfangsphase. Deshalb wird die Therapie grundsätzlich mit einer niedrigen Dosis begonnen und schrittweise gesteigert. Das verbessert die Verträglichkeit und hilft, die individuell wirksame Dosis zu finden.

Was bedeutet „eingebettet in eine Lebensstiländerung" konkret? 

Diese Medikamente sind ausdrücklich als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Ernährung und gesteigerter körperlicher Aktivität zugelassen – nicht als Ersatz. Wer die Therapie ohne dauerhafte Veränderungen im Alltag beginnt, wird den Erfolg langfristig kaum halten können.

Kann ich die Therapie einfach selbst abbrechen? 

Vom eigenmächtigen Absetzen ist abzuraten. Da eine bewährte Strategie für das Therapieende noch fehlt und das Gewicht danach häufig wieder ansteigt, sollte das Beenden der Behandlung immer ärztlich begleitet und geplant werden.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), Vorab-Pressekonferenz anlässlich des 69. Deutschen Kongresses für Endokrinologie, 2026.https://www.endokrinologie.net/pressekonferenz.php

 

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